Heft 3/2026: Kinder
Die Ausgabe 3/2026 ist am 15. Juli 2026 erschienen und als Print und als E-Paper verfügbar.
- Freundschaft, Quatsch und Superkräfte – Juliane Diener im Gespräch mit Kindern der Karl-Preising-Schule in Bad Arolsen
- Ungleiche Kindheiten – Johanna Schmitt
- Hilfe, ich kann nicht mehr! – Prof. Dr. med. Eva Möhler
- Anthropologie des Kindseins – Dr. Friederike Spengler
- Ein weiter Weg – Susanne Okroy
- Systemsprenger brauchen Systemänderungen – Melanie Maulbetsch-Heidt
- Villa Kunterbunt mit Haushaltsvorbehalt – Dr. Christian Geyer
- Perspektivwechsel inklusive – Friederike Beuter
- Zutrauen in das Wollen und Können – Lysann Elze-Gischel
- Gut abgestimmtes Zusammenspiel – Susanne Brand
- Raffael macht Fortschritte – Hannah Kaltarar
- Ein Zuhause auf Zeit – Dirk Semrau
- Hilf mir, es selbst zu tun – Ralf Küssner
- Eine Investition in die Zukunft – Michael Stock
- „Ethik-Espresso“– der kleine Moment, der Großes bewegt – Dr. Thomas Mäule, Alexander Rittberger
- Demokratie braucht Inklusion – Pastor Uwe Mletzko
- Cartoon – Konstanze Ebel
- „Verflucht normal" – Gisela Graf-Fischer
- Mit den Fingern lesen – Ralf Küssner
- Handwörterbuch für sozialraumorientierte Arbeit – Prof. Roman Helbig
- Die magischen Sieben – Ralf Küssner
Liebe Leserin,
liebe Leser,
Jeden Tag begegne ich Kindern. Meinen eigenen am Frühstückstisch, den Schulkindern auf dem Weg zur Arbeit, den Kindern auf dem Wandfries in unserer Hauptverwaltung, die sich zu Jesus vordrängeln, weil sie ahnen, dort gibt es etwas, was sie brauchen können: Nähe, Segen, Gesehenwerden.
Kinder sind in Deutschland weniger selbstverständlich geworden. 2024 wurden nur rund 680.000 Kinder geboren. Sie werden zu einer Minderheit und wahrscheinlich deshalb aufmerksamer betrachtet als zu anderen Zeiten. Was bedeutet diese Zahl für Nachbarschaften, Klassenzimmer und Sportvereine?
Die Kindheit ist ein Ort ohne stabile Geografie. Ein Nachmittag kann unendlich sein, ein Verbot absolut. Ein Stein ist ein Stein, ein Planet, ein Schatz. Doch dieser Ort ist heute durchzogen von Zahlen, Armutsrisiken, Bildungsunterschieden, Betreuungsfragen, Bildschirmzeiten. Kinder leben in ihrer Gegenwart und werden doch unablässig auf die Zukunft verwiesen. „Wenn du mal groß bist" oder „später einmal" sind solche Satzanfänge.
Ich bin diesem Ort der Kindheit nie ganz entwachsen. Ich bleibe das Kind meiner Eltern. Ein Tonfall meines Vaters genügt, und die erwachsene Souveränität bekommt Risse. Und ich verhalte mich plötzlich wieder wie früher: trotzig, abhängig, vertraut. So schnell zeigt sich, dass Kindsein nicht einfach endet. Es verändert nur seine Gestalt.
Kindsein ist eine paradoxe Angelegenheit, weil es größte Abhängigkeit und radikalste Freiheit zugleich bedeutet. Ein Kind entscheidet nicht, wo es lebt, aber es entscheidet, wie die Welt aussieht. Es braucht Schutz und wehrt ihn ab. Es will wachsen und fürchtet das Größerwerden. Es glaubt schnell, aber nicht blind. Es spürt Stimmungen, bevor erwachsene Worte sie verdecken.
Wahrscheinlich ist Kindbleiben deshalb eine Sehnsucht. Auch für Heranwachsende, die um ihre Kindheit trauern. Zugleich gibt es die Ungeduld, endlich erwachsen zu sein. In Cornelia Funkes Jugendroman „Der Herr der Diebe" wird diese Ambivalenz erzählt und bekommt ein Symbol: ein Karussell, das älter oder jünger machen kann. Das ist verführerisch und gefährlich, denn wer die Kindheit überspringt, verliert nicht nur Enge, sondern auch Schutz, Spiel, Zwecklosigkeit.
Wie schön ist der Gedanke, ein Kind Gottes bleiben zu dürfen. Darin wird eine Zugehörigkeit beschrieben, die erwachsen werden darf und nicht verdient ist. Auf meinem Weg ins Büro werde ich ab sofort bewusster am Wandfries vorbeigehen. „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder", mahnt Jesus und macht Platz für das Ungeordnete, Lebendige, Unfertige.
Ihr Christian Geyer
Redaktionsleiter






