Heft 4/2026: SOZIALRAUM
Die Ausgabe 4/2026 ist am 15. Oktober 2026 erschienen und als Print und als E-Paper verfügbar.
- Leben im Sozialraum – Hannah Kaltarar im Gespräch zum Thema dezentralisiertes Wohnen in der Diakonie Stetten
- Raus aus der Schublade – Prof. Dr. Wolfgang Hinte
- Basis und Bauplan sozialer Arbeit – Prof. Dr. Dieter Röh
- Im Spannungsfeld von personenzentrierten Hilfen und sozialräumlicher Arbeit – Prof. Dr. Albrecht Rohrmann
- Digitale Dimensionen von Sozialräumen – Annika Kuhlmann
- Glückliche Handballheld:innen – Johanna Dieckmann-Jarchow
- Viele kleine Schritte – Yvonne Jelinek
- Nach der Veränderung ist vor der Veränderung – Ute Quednow
- Von der Anstalt ins Quartier – Stefani Burmeister
- Stimmen mit Gewicht – Gisela Graf-Fischer
- Gestaltung mit Wirkung – Matthias Benz
- Jedes Bild hat eine Seele – Katrin Baginski
- Musik zum Sehen – Tanja Pollack
- Hand in Hand gegen Krisen – Julia F. Negri-Küster
- Start-up-Gene mobilisieren – Dr. Daniela
- Cartoon – Phil Hubbe
- Listenreiches Fiasko – Dr. Christian Geyer
- Inklusion am Mikrofon – Stefanie Müller
- Alle machen mit! – Ralf Küssner
Liebe Leserinnen und Leser,
gleich die erste Tür rechts in unserem Haus führt in mein Arbeitszimmer, in dem ich jedoch weitaus mehr mache als arbeiten. Es ist für mich ein Raum wie für andere die Werkstatt oder die Garage. Umgeben von Büchern und Bildern, sitze ich an meinem großen Schreibtisch, lese, höre Musik, denke nach, schreibe Tagebuch, verfasse meine Publikationen, höre den Vögeln im Garten zu. Ganz für mich allein, aber nie einsam.
Wenn ich aus diesem Zimmer heraustrete, bin ich mittendrin in unserem Familienleben, das wir maßgeblich in unseren vier Wänden gestalten. Entstanden ist ein Nest für die Kinder, von dem aus Erkundungen in die weite Welt sicher möglich sind. Zugleich ist ein Zuhause auch Kampfarena der unterschiedlichen Interessen und Meinungen. Räume, die wir mit anderen teilen, müssen permanent vermessen und abgesteckt werden. Nur wenn alle Mitbewohner:innen Luft zum Atmen finden, kann Intimität entstehen.
Vor der Haustür pulsiert in unserer Kleinstadt nicht gerade das Leben, und doch begegne ich unterschiedlichen Menschen. Einige, besonders die, die um uns herum wohnen, sind zu Nachbarn geworden. In der Nähe dieser Menschen fühlen wir uns wohl und haben teil am Erwachsenwerden der Kinder, am plötzlichen Tod des Familienvaters, helfen uns mit Gartengeräten oder Bierzeltgarnituren aus und feiern zusammen. Keine Freunde, aber Nächste.
So wie ich mir die Nachbarschaft, aber nicht die Nachbarn aussuchen kann, ist es auch mit der Arbeit. Ich entscheide mich für ein Unternehmen und eine Stelle, treffe dort aber auf Kolleginnen und Kollegen, die schon da sind oder später dazukommen. Mit manchen bin ich mehr, mit anderen weniger auf einer Wellenlänge. Das fordert mich sozial und intellektuell heraus. Diese Anstrengung wird nicht in erster Linie durch Geld belohnt, sondern durch den erweiterten Lebens- und Erfahrungsraum, der meinen Tag strukturiert, mich mit Menschen anderen Alters und anderer Profession zusammenbringt und meine Weltwahrnehmung bereichert.
Und doch bleibe ich weitgehend in meiner Blase der Sozialen Arbeit und der Kirche und muss mich nur begrenzt mit anderen Denkund Lebensweisen auseinandersetzen. Der Fußballverein meines Sohnes ist eigentlich nicht mein Raum, und doch habe ich mittelbar an ihm Anteil. Unter den Eltern nehme ich eine Gemeinschaft wahr, der ich distanziert begegne. Nicht weil ich die Menschen nicht sympathisch fände, sondern weil ich mit Fußball nichts anfangen und die Begeisterung für Samstage auf dem Platz nicht teilen kann.
Ich kehre stattdessen lieber in mein Arbeitszimmer zurück und versuche mich an einer kleinen Phänomenologie meiner Sozialräume. Bei Gaston Bachelard lese ich von einer „Dialektik des Drinnen und Draußen“, die sich in einer „Dialektik des Offenen und des Geschlossenen“ wiederholt. So eindeutig ist es mit sozialer Teilhabe in den unterschiedlichen Räumen offenbar nicht. Die Balance zwischen Alleinsein und Mitmachen, Zuschauen und Fernbleiben, Schwellenangst und Dazugehören ist nicht einfach zu finden.
Ich wünsche Ihnen eine anregende Auseinandersetzung mit diesen Ambivalenzen und grüße Sie herzlich
Ihr Christian Geyer Redaktionsleiter






