Transatlantischer Bildungsdialog: Ein Erfahrungsbericht des Berufskollegs im Ev. Johanneswerk aus Wisconsin
Im Rahmen eines transatlantischen Austauschprogramms, unterstützt von der Joachim Herz Stiftung, konnte das Berufskolleg im Ev. Johanneswerk Bochum eine wegweisende Initiative umsetzen, um Studierende, die später mit Menschen mit Assistenzbedarf arbeiten, gezielt zu fördern. Der Schwerpunkt des Programms lag auf Inklusion und der Teilhabe von Menschen mit Behinderung. Durch die Zusammenarbeit mit Partnerinstitutionen in Wisconsin, USA, wurden wertvolle Einblicke in innovative und praxisnahe Ansätze der beruflichen Bildung gewonnen.
Gemeinsames Ziel: Chancen für Studierende durch Perspektivwechsel

Der Austausch der Vertreter:innen des Berufskollegs – Frank Eschert (Schulleiter) und Petra Meyer (Lehrkraft und Austauschbeauftragte) – mit Kolleg:innen des Northeast Wisconsin Technical College (NWTC) und der Universität Wisconsin-Green Bay (UWGB) verfolgte klare Ziele: den internationalen Austausch bewährter Praktiken zu Inklusion und sozialer Teilhabe zu ermöglichen und langfristige Kooperationen aufzubauen.
Das Programm, das zwischen dem 3. und 10. Oktober 2025 stattfand, zielte darauf ab, Studierende bestmöglich auf ihre spätere Arbeit mit Menschen mit kognitiven, psychischen und körperlichen Beeinträchtigungen vorzubereiten. Drei Schlüsselbereiche wurden dabei priorisiert:
- Stabiler Aufbau von Partnerschaften: Dies umfasst die Vernetzung mit dem NWTC und anderen US-amerikanischen Bildungseinrichtungen zur Förderung inklusiver Bildungsstrukturen.
- Entwicklung innovativer Bildungsansätze: Die Schwerpunktsetzung lag hierbei auf Konzepten, die speziell die berufliche Bildung für Studierende verbessern, die mit Menschen mit Behinderung arbeiten möchten. Ziel war unter anderem der Austausch bewährter Praktiken.
- Nachhaltige Inklusionsstrategien: Dies beinhaltete regelmäßige Fachkräfteaustausche, hybrides Lernen und die Integration internationaler Perspektiven, beispielsweise im Englischunterricht.
Die Anregung, erfolgreiche Ansätze der Partnerinstitutionen in eigene Projekte zu integrieren, förderte die Innovationsfähigkeit sowie die Professionalität von Lehrkräften und Studierenden. Durch diesen Perspektivwechsel wurden außerdem neue Impulse für die Arbeit mit Menschen mit Assistenzbedarf angestoßen.
Einblicke in internationale Inklusionsansätze
Das Austauschprogramm beinhaltete eine Vielzahl wertvoller Gelegenheiten, miteinander zu lernen und sich zu vernetzen. Ein Highlight war die Einführung in die Lehr- und Unterstützungsprogramme des NWTC, die auf Menschen mit Behinderung und ihre berufliche Förderung ausgerichtet sind. Themen wie "Child & Adolescent Development" und Studienprogramme mit inklusivem Ansatz wurden vorgestellt.
Insbesondere die Hospitation sowie die Diskussion mit Tracy Blahnik, Expertin am NWTC, haben Einblicke in praktische Konzepte und Maßnahmen geboten. Ergänzend wurden an der University of Wisconsin-Green Bay (UWGB) Möglichkeiten des Studierendenaustauschs sowie Konzepte für internationale Bildung vorgestellt. Dies baut auf der Idee auf, dass die Schülerschaft des Berufskollegs im ev. Johanneswerks und Lehrkräfte durch grenzüberschreitende Erfahrungen profitieren, die sie später als Multiplikatoren verwenden können.
Ein bedeutsames Highlight war der Besuch der Organisation ASPIRO in Green Bay, einem der führenden Anbieter von Dienstleistungen für Menschen mit Behinderung in der Region. Die Einrichtung, die mit Angeboten wie Arbeitsmarktintegration, therapeutischen Maßnahmen und sozialpädagogischer Begleitung arbeitet, eröffnet neue Perspektiven darauf, was „Inklusion“ in den USA bedeutet. Vergleichbar mit den deutschen Werkstätten für Menschen mit Behinderung setzt ASPIRO vermehrt auf individuelleres Job-Coaching, Community-based Work und flexible Arbeitsmodelle. Diese Ansätze zeigten, wie durch die enge Kooperation zwischen Fachkräften, Arbeitgebern, Angehörigen und der Organisation selbst ein unterstützendes Arbeitsumfeld geschaffen werden kann, das den individuellen Bedürfnissen der Teilnehmenden entspricht.
Ein weiterer Höhepunkt war, neben dem Besuch des Stadions der Greenbay Peckers, der Besuch der Oneida Nation Reservation, wo ein inspirierender Vortrag über die Geschichte und das heutige Leben der Oneida – einer First Nation – stattfand. Der Dialog mit Mitgliedern der Gemeinschaft bot bedeutende Einblicke in kulturelle Vielfalt und trug dazu bei, interkulturelle Kompetenzen sowie das Verständnis für indigene Kulturen zu stärken. Diese Erfahrung hat das kulturelle Bewusstsein und die Sensibilität gestärkt, was insbesondere im Arbeitsalltag mit Menschen mit Assistenzbedarf von zentraler Bedeutung ist.
Gemeinsam für mehr Teilhabe: Perspektiven und Kooperationsansätze
Im Rahmen des Austauschs wurden erste Schritte in Richtung einer intensiven Zusammenarbeit unternommen. Folgende Punkte wurden als Kooperationsansätze definiert:
- Austauschprojekte und Praktika: Entwicklung von Formaten, die sowohl den digitalen als auch den persönlichen Austausch, etwa in Form von Praktika, Online-Portfolios oder gemeinsamen Unterrichtsprojekten, ermöglichen.
- Interkulturelle Bildung: Integration kultureller Kompetenzen und Gerechtigkeitsthemen („Equity in Education“) in Curricula, um Studierende auf sozialpädagogische Berufe in global agierenden Gesellschaften vorzubereiten.
- Netzwerkbildung und persönliche Begegnung: Der direkte Austausch zwischen Lehrenden, Studierenden und Partnerorganisationen stärkte nicht nur das gegenseitige Verständnis und den interkulturellen Dialog, sondern legte gleichzeitig den Grundstein für eine langfristige Zusammenarbeit.
Zukunftsvisionen und Herausforderungen
Eine zentrale Zielsetzung bleibt es, der Schülerschaft beider Institutionen einen interkulturellen Austausch zu ermöglichen und sie dazu zu befähigen, aus einem internationalen Perspektivwechsel wertvolle neue Ansätze für die Arbeit mit Menschen mit Assistenzbedarf zu entwickeln. Dies umfasst die Fähigkeit, innovative pädagogische Methoden zu erkennen und auf den eigenen Kontext zu übertragen.
Die wichtigste Herausforderung für die Umsetzung und Weiterführung solcher Programme bleibt, neben der zusätzlichen Aufgaben für das Kollegium, jedoch die Finanzierung. Die Suche nach langfristigen Förderalternativen, etwa durch Stiftungsgelder, nationale und internationale Programme sowie private Unternehmen, wird daher als vorrangige Aufgabe definiert. Die angespannte politische Lage, die global wirtschaftliche und gesellschaftliche Unsicherheiten mit sich bringt, fordert zudem flexible Formate wie hybride und digitale Austauschmöglichkeiten.
Schlussfolgerung: Ein globales Netzwerk zur Stärkung von Fachkräften in inklusiver Bildung
Der transatlantische Austausch mit Unterstützung der Joachim Herz Stiftung hat gezeigt, wie durch Bildungskooperationen neue Wege zur Stärkung beruflicher Inklusion beschritten werden können. Die Verknüpfung von theoretischen und praktischen Perspektiven, kombiniert mit lebendigen interkulturellen Begegnungen, ermöglicht es nicht nur, die Kompetenzen von Fachkräften zu stärken, sondern zugleich lokal und international voneinander zu lernen.
Wie Megan Grant vom NWTC betonte: „Our only chance lies in education and mutual exchange.“ Dieses Leitmotiv verdeutlicht, wie wichtig internationale Kooperation und globaler Dialog in Zeiten wachsender politischer und sozialer Spaltungen sind. Bildung ist eine Brücke, die Verständnis, Solidarität und Innovationskraft fördert – und die den Grundstein für ein zukunftsweisendes, gemeinsames Handeln bildet.
Autorenangaben
Frank Eschert
Schulleiter des Berufskollegs im Ev. Johanneswerk gGmbH, Bochum
E-Mail: frank.eschert@johanneswerk.de
Petra Meyer
Lehrkraft & Austauschbeauftragte am Berufskolleg im Ev. Johanneswerk gGmbH, Bochum
E-Mail: petra.meyer@johanneswerk.de






